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Grenoble Foot 38 vs Racing Club de Strasbourg Alsace

  1. Datum 11.05.2013, 19.00 Uhr
  2. Ort Grenoble
  3. Stadion Stade des Alpes » Besuchte Spiele
  4. Liga 4. Liga F (CFA Groupe B)
  5. Ergebnis 0 : 1 (0 : 1)
  6. Zuschauer 7.600

Allez allez allez: c'est le son de l'année #17

Nun stand also das endgültig letzte Spiel meines Frankreichaufenthalts an. Wie relativ zu Beginn der Serie versprochen, sollten Grenoble und ich uns noch einmal wiedersehen. Zudem hatte sich für das Wochenende der geschätzte Racing Club de Strasbourg in Grenoble angekündigt. Und zu guter Letzt handelte es sich bei diesem Aufeinandertreffen um das absolute Spitzenspiel in der Oststaffel des CFA. Seit dem Elsass-Derby vor fünf Wochen hatte sich Mulhouse aus dem Rennen um den Aufstiegsplatz verabschiedet. Diesen belegte drei Spieltage vor Schluss immer noch Raon-l’Étape, aber nur noch mit einem Punkt Vorsprung vor Strasbourg. Eigentlich müsste aber Grenoble auf Platz eins stehen. Die Grenoblois hatten genau so viele Punkte eingefahren wie Raon und zudem die direkten Duelle gewonnen, was hier bei Punktgleichheit noch vor der Tordifferenz den Ausschlag gibt. Aber Grenoble wurden im Laufe der Saison aufgrund diverser Vorfälle insgesamt vier Punkte abgezogen, u.a. wegen Schiedsrichterbeleidigung durch die Fans. Dass diese nach Spielende gern die Nähe des Referees suchen, war mir ja schon in Belfort aufgefallen. Dafür gleich Punkte abzuziehen, ist aber schon ganz schön happig, insbesondere wenn man bedenkt, was bei Mulhouse v Strasbourg so alles los war. Doch all das ließ sich nicht mehr ändern und für Grenoble zählte nur ein Sieg.

Gegen Mittag traf ich beim Autovermieter meines Vertrauens ein, wo ich als Stammgast mittlerweile per Handschlag begrüßt wurde, und trat zum vorerst letzten Mal mit einem französischen Flitzer die knapp 300 km lange Strecke nach Grenoble an. Um die Mautstellen zu vermeiden ging es wie immer über die Landstraßen. Die Reise führte zunächst ins Jura, wo das erst vor drei Tagen besuchte Stadion in Lons-le-Saunier passiert wurde, dann durch die Ebene des Bresse und schließlich das Isère-Tal entlang in die Alpen. Grenoble liegt in einer Talgabelung und ist fast vollständig von Bergen umgeben. Egal in welche Richtung man schaut, überall thronen Felsen über der Stadt. Bei meiner Ankunft hatte ich jedoch keine Zeit, mich an dem Panorama zu ergötzen, denn die Fahrt hatte doch mal wieder länger als erwartet gedauert. Als ich nach kurzer Suche das Stadion und nach langer Suche endlich auch einen Parkplatz gefunden hatte, blieb nicht mehr viel Zeit zum Spiel. Auf dem Weg zum Stadion war schon von weitem das „Hurra, hurra“ der Straßburger zu hören und der Puls stieg. Am Stadion angekommen folgte jedoch die Ernüchterung. Eine ewig lange Schlange an der Kasse und nur noch wenigen Minuten bis zum Kickoff. Kurz abgekotzt, doch dann entdeckte ich noch eine zweite Kasse, an der keinerlei Andrang herrschte. Wahrscheinlich nur für Reservierungen, aber man kanns ja mal versuchen. Und siehe da, an der Kasse stand irgendwas von Étudiants und als ich meinen Studentenausweis hinhielt, bekam ich kostenlos eine Karte in die Hand gedrückt. Merci bien!

So betrat ich pünktlich zum Anpfiff das Rund. Zunächst war für den Heimanhang nur eine Gerade geöffnet, in deren Mitte sich die Gruppen Red Kaos und Diables Bleus positioniert hatten. Nachdem auch nach Spielbeginn immer mehr Leute auf die Tribüne strömten, hatten die Verantwortlichen schließlich ein Einsehen und öffneten noch eine Hintertortribüne. Am Ende fanden sich knapp 8.000 Zuschauer im Stadion ein, darunter trotz Abendspiel und 600 km Strecke auch über 200 Gästefans. Der Rahmen stimmte also und auch auf dem Platz ging es gleich mächtig zur Sache. Gerade mal fünf Minuten waren gespielt, als ein Spieler der Heimelf nach einem rüden Foul vom Platz flog. Strasbourg wusste die Überzahl zu nutzen und ging nach einer Ecke in Führung. Nach einer halben Stunde war es vorbei mit der Überzahl, denn jetzt durfte auch ein Straßburger duschen gehen. Anscheinend hatte er nach einem Zweikampf an der Seitenauslinie nachgetreten. Da dies genau vor der Heimkurve passierte, war der Aufschrei entsprechend groß. Das ganze Stadion forderte Rot und Volkes Wille wurde erhört. Somit stand es zur Pause 0 zu 1 nach Toren und 1 zu 1 nach Platzverweisen.

In der zweiten Hälfte rannte Grenoble mit aller Macht an und Strasbourg kam kaum noch aus der eigenen Hälfte heraus. Mitten in dieser Drangphase verlagerte sich das Geschehen plötzlich auf die Ränge. Auf der Hintertortribüne, direkt vor mir, gerieten einige Heimanhänger mit der Security aneinander. Was als harmloses Wortgefecht begann, entwickelte sich in kürzester Zeit zu einer heftigen Prügelei. Vor den Augen zahlreicher Familien mit ihren Kindern gingen beide Seiten äußerst brutal aufeinander los. Die eine Seite schreckte nicht davor zurück, auch eine Ordnerin zu schlagen, während auf der anderen Seite der Chef der Security wie von Sinnen immer wieder mit seinem robusten Walky Talky auf den Kopf eines jungen Mannes einschlug, bis dieser heftig im Gesicht blutete. Die Auseinandersetzung zog sich über mehrere Minuten hin, bis die Security langsam die Oberhand gewann. Von allen Seiten umzingelt und attackiert traten die Fans schließlich den einzig verbliebenden Fluchtweg an und rannten auf den Platz. Dort wurden sie, unter Mithilfe der Spieler, an der Mittellinie zu Fall gebracht und am Boden liegend weiter mit Fußtritten traktiert. Während die Fans abgeführt wurden, unterbrach der Schiedsrichter das Spiel und schickte die Spieler in die Kabinen.

Da auch einige Spieler der Heimelf in die Auseinandersetzung verwickelt gewesen waren, fürchtete ich schon einen Spielabbruch. Doch dann betrat Grenoble als erste Mannschaft wieder das Feld. Respekt für diesen Sportsgeist, manch einer hätte in einem solch wichtigen Spiel womöglich auf eine Wiederholung spekuliert. Doch Grenoble wollte das Spiel auf dem Platz entscheiden und machte nach dem Wiederanpfiff da weiter, wo sie aufgehört hatten. Mit allen Mittel, u.a. mit einem spektakulären Fallrückzieher, versuchte man, den Ball im gegnerischen Tor unterzubringen. Doch was sie auch immer versuchten, ein starker Torwart und eine gehörige Portion Pech verhinderten den verdienten Ausgleich. So konnte sich Strasbourg am Ende über vier (Zählweise im CFA) ganz wichtige Punkte im Kampf um den Aufstieg freuen, während sich Grenoble mit einem weiteren Jahr Viertklassigkeit abfinden musste. Nach dem Spiel lief ich neben den Hools von Grenoble – alle in schicken italienischen Casual-Klamotten à la Sergio Tacchini, Stone Island etc. – zum Gästeblock, wo sich unsere Wege trennten. Während die Sportsfreunde in einem angrenzenden Park wohl vergeblich auf ihre Chance warteten (die Gästebusse parkten auf dem Stadiongelände), lief ich weiter zum Auto.

Dort angekommen, konnte ich nicht gleich einsteigen. Irgendwie wollte ich noch nicht loslassen und saugte stattdessen noch ein wenig französische Abendluft ein. Das war‘s jetzt also, neun Monate Frankreich waren vorbei. Als ich mich schließlich überwunden hatte und eingestiegen war, ließ auf der langen Rückfahrt das Erlebte noch einmal Revue passieren. Was lässt sich zusammenfassend sagen? Fangen wir vielleicht mal mit dem Negativen an, denn da gibt es nicht so viel. Nicht so gefallen hat mir das französische „Kop-Denken“, dass man nicht den geschlossenen Support der Mannschaft, sondern die eigene Gruppe, den eigenen Block, in den Vordergrund stellt. Wenn man eh schon nur wenig Leute hat und sich dann noch auf unterschiedliche Tribünen verteilt, sieht das mehr nach Selbstdarstellung als nach Support aus. Dass generell weniger Leute als in Deutschland ins Stadion gehen, sehe ich aber eher positiv. Wer hier zum Fußball geht, der weiß, dass er keinen Hochglanzfußball geboten bekommt. Wer dann trotzdem kommt, will kein Event, sondern echten Fußball sehen. Insgesamt ist die Kommerzialisierung hier noch nicht so weit vorangeschritten. Zwar sind die Spieler von Kopf bis Fuß mit Werbung zugekleistert, dafür trägt aber fast kein Stadion einen Sponsorennamen. Die Preise sind human und man kann fast überall mit Bargeld zahlen. Angenehm fand ich außerdem, dass es in den französischen Stadien kaum politische Auseinandersetzungen gibt. Klar gibt es Ausnahmen, wie Paris oder Lyon, doch im Großen und Ganzen scheint ein Konsens zu herrschen, dass Rassismus im Stadion nichts zu suchen hat. Diese Einstellung – die aus meiner Sicht nichts mit Politik, sondern mit gesundem Menschenverstand zu tun hat – artet aber nicht in ein Gutmenschentum aus, wie das in einigen „politisch korrekten“ deutschen Stadien der Fall ist. Meist hängt irgendwo eine kleine Fahne „Stadt XY contre le racisme“ und damit hat sich’s. Überhaupt wirkt alles etwas entspannter, lässiger, nicht so verkrampft. Manchmal etwas chaotisch, aber irgendwie sympathisch.

Zum Abschluss der Serie gibt es noch einige Dinge aufzulösen. Zunächst einmal zurück zu Strasbourg. Nach dem Sieg in Grenoble lag Strasbourg weiterhin einen Punkt hinter Raon-l’Étape, die ebenfalls gewonnen hatten. Am vorletzten Spieltag spielte Strasbourg zuhause gegen die Zweite von PSG nur Unentschieden, während Raon erneut gewann und somit drei Punkte Vorsprung hatte. Um das Drama perfekt zu machen, sollten die beiden am letzten Spieltag direkt gegeneinander antreten. Da Strasbourg das Hinspiel am ersten Spieltag gewonnen hatte, war klar, dass man bei einem erneuten Sieg aufsteigen würde. Das war den Sicherheitsbehörden dann erst mal zu viel an Spannung und das Spiel wurde kurzerhand abgesagt. Nach einigem Hin und Her konnte das Spiel schließlich eine Woche später in Épinal ausgetragen werden. Und auch dieses Spiel bot noch einmal die Dramatik der ganzen Saison. In der 88. Minute schoss Strasbourg das 3:0, doch in den letzten zwei Minuten der regulären Spielzeit erzielte Raon noch zwei Tore. Wie sich die letzten Minuten der Nachspielzeit angefühlt haben müssen, kann sich denk ich jeder Dresdner vorstellen, der fünf Tage vorher beim Relegationsrückspiel dabei war. Dann war Schluss, Strasbourg eroberte mit diesem Sieg zum ersten Mal in der Saison die Tabellenführung und stieg in die National auf. Damit endete die auf lange Zeit wohl attraktivste und spannendste Spielzeit der Oststaffel des CFA, da nach der Saison auch Grenoble ausschied und in die Südstaffel wechselte.

Strasbourg kehrte hingegen in jene Liga zurück, in der man vor zwei Jahren knapp am Aufstieg in die zweite Liga gescheitert war und daraufhin Insolvenz anmelden musste. Auf Metz trifft man in der nächsten Saison allerdings nicht, da die Lothringer bereits einen Monat zuvor den Aufstieg in die Ligue 2 perfekt gemacht hatten. Dort kommt es nun in der neuen Saison zu einer Neuauflage des Lothringen-Derbys, da Nancy nach acht Jahren Erstklassigkeit wieder den Gang in die zweite Liga antreten musste. Dabei wurde Nancy von Brest und Troyes begleitet, während sich Reims und Sochaux noch retten konnten. Mit von der Partie ist in Liga 2 auch Auxerre, da man die Insolvenz durch den Einstieg eines luxemburgischen Investors in letzter Minute abwenden konnte. Der AS Monaco, der seit 2011 einem russischen Milliardär gehört, verließ die Ligue 2 dagegen nach oben und investierte als Aufsteiger gleich mal über 100 Millionen in neue Spieler. Somit dürfte dem aus Katar geführten Meister PSG ein ernsthafter Konkurrent im Kampf um die Geldverbrennungskrone erwachsen sein. Saint-Étienne verpasste zwar knapp einen Europapokalplatz, gewann dafür aber den französischen Ligapokal. Damit konnte man sich zum ersten Mal seit 32 Jahren wieder eine Trophäe in den Schrank stellen und erreichte durch die Hintertür doch noch den europäischen Wettbewerb.

Das war sie also, die Saison 2012/13 in Frankreich. Ich hoffe, der ein oder andere hat beim Lesen Gefallen am französischen Fußball gefunden und schaut vielleicht selbst mal vorbei. Für mich war es, auch außerhalb des Fußballs, ein geiles Jahr. Mittlerweile bin ich wieder im tristen Alltag angekommen und blicke wehmütig auf die Zeit zurück. Zwar wird einem mit Dynamo nie langweilig. Aber ich sehne mich trotzdem schon wieder nach fremden Ländern, neuen Grounds und spannenden Erlebnissen. Daher sage ich sicher nicht zum letzten Mal: Au revoir!

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